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Trip in die Vergangenheit: Was tun mit alten Banddaten?

von S. Subhan, Kroll Ontrack UK

Jeden Tag wiederholt sich die gleiche Szene: Ein leitender Mitarbeiter benötigt ältere Daten, die bereits vor einigen Jahren auf Magnetbändern abgespeichert wurden. Und als wenn das das einzige Problem wäre; er benötigt die Daten auch noch SOFORT!

Diese Situation ist nicht ungewöhnlich für IT-Mitarbeiter einer Firma und zwar aus einer Reihe von Gründen:

  • Oft besitzen Unternehmen viele archivierte Backup-Magnetbänder. Aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Bänder weiß eigentlich niemand mehr, welche Daten sie eigentlich enthalten, geschweige denn, mit welcher Software darauf gespeicherte Backups erstellt wurden. So ist es fast unmöglich, spezifische Daten auf den Bändern zu finden, wenn sie einmal dringend angefordert werden.
  • Andere Kunden dagegen haben archivierte Magnetbänder, die aufgrund des Alters und unsachgemäßer Lagerung zu Schaden gekommen sind und so nicht mehr mit gängigen Tools gelesen werden können. Oder die Magnetbänder sind so alt, dass das Risiko, dass sie in Kürze gar nicht mehr gelesen werden können, enorm hoch ist. So wird eine Migration der Daten auf ein neues Magnetband-Format fast schon zwingend.
  • Zudem werden in stark regulierten Branchen die Unternehmen dazu angehalten, nicht nur einen schnellen Zugang zu den Daten zu gewährleisten, sondern auch Daten-Kopien vorzuhalten. In diesem Fall können die Bänder mit Spezialwerkzeugen relativ schnell dupliziert und dann für einen späteren Einsatz bei Bedarf gespeichert werden. Allerdings:
  • Das häufigste Szenario ist, dass ein Kunde nicht mehr über die ursprüngliche Backup-Umgebung oder die benutzte Software verfügt, um Bänder zu lesen, geschweige denn duplizieren zu können. Außerdem wissen sie nicht wirklich, was auf den Bändern gespeichert ist, sind sich aber im Klaren, dass ein eventueller schneller Zugriff auf das Datenmaterial in Zukunft erforderlich sein kann.

Das sind nur einige der Gründe, die eine schnelle Migration vorhandener Bänder notwendig werden lassen und die Notwendigkeit, Daten von älteren Tapes auszuspielen, ergibt sich oft quasi über Nacht. In manchen Fällen ist es sogar so, dass wenn Daten nicht in einer bestimmten Art und Weise dargestellt werden können, betroffene Unternehmen mit rechtlichen Konsequenzen oder sogar großen Geldstrafen rechnen müssen.

Einige mögliche Lösungsansätze:

Aber auch für diese Herausforderungen gibt es einige schnelle Lösungen, je nachdem, worin das gewünschte Ziel besteht:

  • Sollten spezifische Daten dringend benötigt werden, ist eine native Wiederherstellung die naheliegende Lösung, auch wenn das eine vorhandene originale Backup-Umgebung verlangt oder ein Dienstleister das benötigte Equipment zur Verfügung stellen muss. In diesem Fall muss man sich allerdings darauf verlassen, dass die Daten auch wirklich zu dem gewünschten Termin extrahiert werden, an dem sie dann auch im Unternehmen benötigt werden. Es ist jedoch auch möglich diese Zwangslage gänzlich zu vermeiden, indem man das Problem intern bewältigt…
  • Die sinnvollste Methode, wenn die Migration intern unternommen wird ( z.B. wenn es sich um sehr sensible Daten handelt, die das Haus nicht verlassen dürfen), ist eine Massen-Migration der Daten auf ein neues Tape-Format (wie LTO-6) oder in eine aktuelle Backup-Lösung. Diese Aufgabe kann aber für viele Firmen zu einer echten Herausforderung werden und ist oft mit einem langen und kostspieligen Prozess verbunden. Besonders dann, wenn der Migrations-Prozess mit einer Vielzahl von technischen Problemen verbunden ist.
  • Wenn (nur) ein schneller Zugriff auf die Daten benötigt wird, kann eine Extraktion des gesamten Band-Bestands notwendig sein. Abhängig von dem Umfang des gesamten Band-Bestands fallen hier unterschiedliche Anschaffungskosten und Zeitaufwände an. Sobald jedoch alle Banddaten auf einen zentralen Storage überspielt worden sind, ist der Zugriff auf bestimmte Daten und Ordner schnell und effizient.
  • Wenn das Hauptziel ist, einen einfachen Zugriff auf Daten von Magnetband-Sets zu gewährleisten, die im Archiv liegen, ist die beste Option einen Katalog anzulegen, der detailliert Auskunft über die gespeicherten Daten gibt. Den Original-Datenbestand in permanentem Zugriff zu halten, ist ein gangbarer Weg, allerdings hat das zur Folge, dass man einen Wartungsvertrag mit dem Software-Anbieter abschließen muss. Bei dieser Methode müssen zudem die Bänder, die die erforderlichen Daten enthalten, an einen Dienstleister geschickt werden, der dann die Daten wiederherstellt, extrahiert und an das Unternehmen zurückschickt.

Alternativ kann auch ein sogenannter Dritt-Anbieter-Katalog der Bänder erstellt werden. Das hat den Vorteil, dass man nicht an eine bestimmte Backup-Software und ein bestimmtes Ausgabe-Format gebunden ist. Dieser Dritt-Anbieter-Katalog kann dazu genutzt werden, die richtigen Bänder zu identifizieren auf denen die benötigten Daten liegen, um diese dann ebenfalls zur Wiederherstellung und Extraktion an einen spezialisierten Dienstleister zu schicken. Durch das Anlegen eines solchen Software-unabhängigen Katalogs können Ad-hoc-Services in Anspruch genommen werden, besonders dann wenn eine Datenwiederherstellung von Magnetbändern nicht zeitkritisch ist, sondern erst zu einem erkennbar späteren Zeitpunkt nötig wird. Eine Katalogerstellung ist dabei auch unter Kosten- und Zeitgesichtspunkten vorteilhaft, denn ein Katalogisierungsprojekt ist in jedem Fall günstiger und nimmt weniger Zeit in Anspruch als eine sofortige Extraktion des gesamten Tape-Bestands oder auch nur einiger weniger Daten.

Es zeigt sich: Eine Magnetband-Migration scheint oft wie ein gewaltiges, zeitraubendes und vor allem kostspieliges Projekt. Die oben vorgestellten Alternativen erlauben jedoch einen schnellen Zugriff auf Daten mit minimalen Anfangskosten. Außerdem können diese Methoden auch den unterschiedlichen Anforderungen und Bedürfnissen des jeweiligen Unternehmens individuell angepasst werden.

Shaad Subhan ist spezialisierter Datenrettungsingenieur für Magnetbänder/Tapes von Kroll Ontrack UK in Epson bei London

Bildnachweis: http://www.flickr.com/photos/48202245@N04/4454403988